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Andere Wirklichkeit als die Lockerungen vermuten lassen

01.04.2022

Über 240 000 Neuinfektionen mit dem Coronavirus sind bundesweit in den letzten Tagen registriert worden. Die Zahl derer, die sich wegen eines positiven Corona-Tests in Quarantäne befinden, ist unverändert hoch. Dies betrifft auch die Krankenhäuser in besonderem Maße, denn zum einen melden diese hohe Belegungszahlen durch Covid-Patienten, zum anderen sind viele Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen selbst am Virus erkrankt oder in Quarantäne. Dr. med. Reinhold Ostwald, ärztlicher Direktor des Evang. Krankenhauses Dierdorf/Selters (KHDS) erklärt: „Die Inzidenzen sind bekanntermaßen so hoch wie nie. Die  Pandemie im regionalen Umfeld ist kaum noch beherrschbar. Die Situation in den Krankenhäusern zeigt eine vollkommen andere Wirklichkeit als es die Lockerungen vermuten lassen. Bundesweit - und das trifft auch auf unser Haus zu -  müssen Kliniken aufgrund der gehäufte Covid-Erkrankungen und Quarantänefälle der Mitarbeiter:innen ihre Kapazitäten herunterfahren.“ Derzeit wird im KHDS eine hohe Anzahl an infizierten Patient:innen auf der Covid-Station behandelt, allerdings stehen die Intensivstationen nicht mehr im Mittelpunkt von Überlastungssorgen. Die Corona-positiven Patientinnen und Patienten konzentrieren sich vielmehr auf den Normalstationen. „Betroffen sind  alle Altersklassen“, so Dr. Ostwald, „leider sind auch immer noch viele Erkrankte nicht geimpft und haben daher einen schwereren klinischen Verlauf.“

 

Angespannte Situation aufgrund fehlenden Mitarbeiter:innen

 

„Auch bei uns sind aufgrund der hohen deutschen Inzidenz viele Krankenhaus-Mitarbeiter:innen von COVID betroffen und befinden sich in Quarantäne, deswegen kann der Regelbetrieb nur äußert schwierig aufrecht erhalten werden und elektive Eingriffe werden teilweise verschoben sowie Bettenzahlen reduziert“, erläutert der ärztliche Direktor. „Dadurch, dass wir eine strikte Trennung der zu versorgenden COVID-Patienten in Selters und den operativen Einheiten in Dierdorf haben, konnten wir bisher die Operation zum größten Teil wie geplant durchführen. Der zunehmende Ausfall von Mitarbeiter:innen  macht es uns jedoch zunehmend schwieriger geplante OPs durchzuführen, “ so Dr. Ostwald weiter.

 

Der KHDS-Geschäftsführer Guido Wernert ergänzt: „Die Zahl der corona-infizierten Patientinnen und Patienten erreicht Rekordwerte. Gleichzeitig ist bundesweit der Krankenstand beim Personal durch die aktuelle Infektionswelle so hoch, dass 75 Prozent der Krankenhäuser ihre Stationen nicht mehr vollständig betreiben können. Elektive, also planbare, und einnahmeerzeugende Eingriffe können so nicht gemacht werden.

 

In der wirtschaftlichen Konsequenz fehlen den Kliniken Einnahmen, denn die Einnahmen der Krankenhäuser entstehen ausschließlich durch die Zahl der behandelten Patienten. D. h. kein Patient, keine Einnahmen aber trotzdem Kosten.

 

Die Nachwirkungen aus dieser Situation werden von enormer Tragweite und in den kommenden Jahren spürbar sein, denn es geht um die Sicherung einer medizinisch-pflegerischen Versorgung, um die uns andere Länder in der Welt beneiden.“ Das Kernproblem der deutschen Krankenhausfinanzierung sieht der Klinikmanager darin, dass das System nicht auf Krisen eingestellt sei. Daher wertet er die aktuell von der Politik bis zum 18. April verlängerten Ausgleichszahlungen für die bundesdeutschen Kliniken als trügerisches Geschenk. Ungeachtet der viel zu spät angekündigten Verlängerung schaffe dieser keine Planungssicherheit und löse sie auch nicht auf.

 

„Das KO-Kriterium ist der Ganzjahres-Schutzschirm, der sich bei den Ausgleichszahlungen im Maximum an nur 98 % des Belegungsrahmens also des Budgets von 2019 bemisst. Hier werden nicht nur 2 % ohne Grund „abgezwackt“, sondern auch die Entwicklung von 2019 bis 2022 ignoriert. Es ist an der  Zeit, die Krankenhäuser stabil und nachhaltig für die Zukunft aufzustellen, “ so Wernert.

 

Die beiden Klinikverantwortlichen weisen darauf hin, dass die Krankenhaus-beschäftigten seit zwei Jahren unter bislang unbekannten Belastungen arbeiten und die Versorgung zwischen Regelleistung und Pandemie austarieren müssen. „Derzeit befinden wir uns in der wohl herausforderndsten Lage der Pandemie, sollte es bei den derzeitigen Lockerungen bleiben, müssen wir davon ausgehen, dass auch der Sommer, anders als im vergangenen Jahr, keine große Entspannung bringen wird“, prognostiziert Dr. Ostwald. Er rät dringend dazu die Corona-Schutzmaßnahmen weiterhin zu befolgen. Die sogenannten beschlossenen „Freiheiten“ seien unter dem jetzigen Infektionsgeschehen nicht nachvollziehbar. Leider bestehe immer noch nicht die benötigte Impfquote in der Bevölkerung, insbesondere für die älteren Menschen, so dass eine Aufhebung der Maßnahmen mit einem erheblichen Risiko verbunden sei. „Covid-19-Infektionen sind und bleiben nach wie vor aktuell und gefährlich“, konstatiert der ärztliche Direktor des KHDS. Guido Wernert fordert darüber hinaus von der Politik während der Krise unbürokratische Liquiditäts- und Kostendeckung: „Wir können nicht nachvollziehen, warum ausgerechnet diejenigen, die in den vergangenen zwei Jahren die Hauptlast der Pandemie schultern mussten und ihr Tun nicht im Homeoffice, sondern an der Front für die Patienten bewahrheiten mussten, im Monatsrhythmus auf eine Verlängerung der wirtschaftlichen Hilfen warten müssen. Hängepartien sind für Krankenhäuser keine Lösung.“

 

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