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Ärztlicher Direktor zieht Zwischenfazit

14.05.2020

Seit März 2020 hat die Pandemie nicht nur Deutschland fest im Griff. Das Evang. Krankenhaus Dierdorf/Selters (KHDS) konnte sich mit einer Vielzahl von Maßnahmen auf die Behandlung möglicher COVID-19-Patienten vorbereiten. Dr. Reinhold Ostwald ist seit mehr als sechzehn Jahren Ärztlicher Direktor des KHDS. In dieser Funktion leitet er seit Ausbruch der Pandemie die interdisziplinäre Corona-Arbeitsgruppe der Klinik. Durch seine mehr als 30-jährige Berufserfahrung konnte der Mediziner bis heute zur aktiven Weiterentwicklung des medizinischen Leistungsangebotes in der Region erfolgreich beitragen – darüber hinaus dient aktuell seine medizinische Kompetenz dem KHDS sowie den Patienten und Patientinnen der Region während der Krise. Im Interview zieht Dr. Ostwald ein Zwischenfazit.

 

1. Herr Dr. Ostwald, weltweit ist die Bevölkerung von einer Pandemie bisher unbekannten Ausmaßes betroffen. Welche Herausforderungen sind in den vergangen Wochen auf das Evang. Krankenhaus Dierdorf/Selters zugekommen? Wie wurde diesen klinikseitig begegnet?

 

Seit Anfang März sah man die schrecklichen Bilder der Pandemie aus China, in Europa, insbesondere Norditalien.

 

Zwei Faktoren konnten diese Ereignisse in Deutschland verhindern: Das gut aufgestellte deutsche Gesundheitssystem und die schnelle Reaktion der Politik.

 

Die Informationen der Wissenschaftler und die ergriffenen Maßnahmen führten dazu, dass die Bürger frühzeitig aufgeklärt und sensibilisiert wurden.

 

Wir, das Evang. Krankenhaus Dierdorf/Selters haben umgehend auf die Krise reagiert, indem wir die Voraussetzung zur Behandlung von Covid-19-Patienten geschaffen haben.

 

In Selters wurden 20 Betten bereitgestellt; zusätzlich 8 Intensivbetten, wovon 4 als Beatmungsplätze vorgehalten wurden.

 

Es wurden im Besonderen Verfahrensanweisungen und Standards etabliert.

 

Es erfolgten Auffrischungskurse zum Umgang mit PSA (persönliche Schutzausrüstung) und Infektionskrankheiten.

 

Risikominimierung durch Abstandsregeln, MNS (Mund-Nase-Schutz) fanden unmittelbar Anwendung.

 

Da in unseren Häusern Hygiene einen besonders hohen Stellenwert hat, war es für uns relativ einfach die neuen Vorgaben zu erfüllen.

 

Die Zusammenarbeit der Hygienefachkraft mit uns Ärzten funktionierte reibungslos.

 

Für das Krankenhaus wurde ein Pandemieplan erstellt, um schnell bei Zunahme von Covid-19 Patienten handeln und entsprechende Maßnahmen ergreifen zu können.

 

Seit März finden mehrfach in der Woche Telefonkonferenzen und Lagebesprechungen zu Covid-19 statt. Es werden relevante Informationen und Themen an die Mitarbeiter kommuniziert.

 

Ein „Corona-Update“ gibt wöchentlich einen Lagebericht. Damit schaffen wir die notwendige Transparenz im Umgang mit der Situation.

 

Die Situation unserer Häuser wird zahlreichen Informationsstellen gemeldet und statistisch bewertet. Hierzu zählen: DiVi-Register (Digitale Datenbank der Kapazitäten), Covid-19 Register, Koordinierte Lagezentrum, Landräte, Gesundheitsämter, Ministerium.

 

2. Derzeit spricht man von der Heranführung der Klinik an den Normalbetrieb. Was ist darunter zu verstehen und wie gestaltet sich der Prozess dahin im Einzelnen?

 

Es wurde festgelegt, dass die Covid-19-Patienten in Selters versorgt werden.  Bis heute haben wir alle Covid-19-Patienten dort behandelt. Der größte Teil konnte als genesen entlassen werden, zwei Patienten sind leider verstorben. Bei den Verstorbenen handelte es sich um Patienten in sehr hohem Alter, mit mehreren Vorerkrankungen, so dass sie nicht die Energie hatten den neuen Virus zu bekämpfen.

 

Dierdorf (das Haus ist rein operativ ausgelegt) ist für die Behandlung von Covid-19-Patienten nicht vorgesehen.

 

Viele Patienten warten schon lange auf die bereits vor der Krise vereinbarten Behandlungs- und Operationstermine.

 

Wir haben begonnen nach und nach die anstehenden wichtigen Eingriffe durchführen.

 

3. Welche Besonderheiten ergeben sich hieraus für die Patienten?

 

Weiterhin gelten die hohen Hygienestandards bei Pandemie. 

 

Jeder Patient, der in das Krankenhaus kommt, wird einer Ersteinschätzung unterzogen, um Verdachtsfälle zu registrieren.

 

Die Abstandsregeln und das Tragen von MNS sowie Besuchsverbot bestehen weiter.

 

4. Welche Erkenntnisse in Bezug auf die medizinische Versorgung der Bürgerinnen und Bürger unserer Region ziehen Sie aus der Krise?

 

Wir haben das Glück in ländlicher Region zu leben. Größere Menschenansammlungen finden seltener statt als in Ballungszentren.

 

Das Umfeld außerhalb der Städte bietet mehr Möglichkeit für Menschen den engen Kontakt zueinander zu vermeiden.

 

Gerade in dieser Situation hat sich gezeigt, wie extrem wichtig die kleineren wohnortnahen Krankenhäuser, hier Dierdorf/Selters, im ländlichen Bereich sind.

 

Mit der Professionalität und einer guten medizinischen Ausstattung sowie hochqualifizierten Mitarbeitern können sie schnell auf jegliche Herausforderungen reagieren.

 

Ich möchte mir nicht vorstellen wollen, wie die medizinische Versorgung an diesem Beispiel stattfinden würde, wenn in der Bundesrepublik nur noch, wie in einem bekannten Gutachten postuliert, 600 Krankenhäuser existieren würden.  Es ist wichtig, dass die Krankenhauslandschaft für zukünftige Ereignisse vom Gesetzgeber nachhaltig finanziell unterstützt wird. 

 

Ich möchte in diesem Zusammenhang die ausgezeichnete Arbeit aller unserer Mitarbeiter besonders hervorheben und loben.

 

Dank des großen Engagements konnten alle Maßnahmen sehr kurzfristig umgesetzt werden und während der Krise blieb unser Krankenhaus leistungsfähig, um die Versorgung der Region zu gewährleisten.

 

Herr Dr. Ostwald, wir danken für das Interview.

 

Foto: Dr. Reinhold Ostwald, Ärztlicher Direktor Evang. Krankenhaus Dierdorf/Selters